Für die Diplomatie – trotzdem.

7.4.2022

Wer in der jüngsten Zeit meine Socialmedia Accounts beobachtet hat, wird meinen Zorn und meine Verzweiflung gespürt haben – über den Krieg in der Ukraine, über Kriegsverbrechen und eine schwer gebeutelte Zivilbevölkerung.

Und sie oder er werden auch gemerkt haben, dass meine Unterstützung für noch mehr Militärhilfe für die Ukraine und auch noch mehr Isolation Russlands mit jeder Nachricht über neue Gräuel gewachsen ist.

Und da habe ich auch nichts zurückzunehmen.

Trotzdem will ich hier eine Lanze für die Diplomatie brechen, dafür, dass Gesprächsmöglichkeiten nie komplett abbrechen dürfen und seien die Akteure noch so hasserfüllt. Weil jedes Gespräch auch zwischen bitter verfeindeten Ländern eine kleine Chance oder zumindest ein Zeitfenster für Waffenstillstand oder gar Frieden ist und damit jedes Wort Menschenleben und Menschenschicksale retten kann.

Um zu erklären, wieso ich so sehr an das Gespräch glaube, muss ich eine Geschichte erzählen, für die mich mein Vater vermutlich schelten wird, sollte er das lesen – denn eigentlich, so meint er, obwohl längst pensioniert, redet man darüber nicht. Old habits die hard.

Als ich 15-17 Jahre alt war, wohnten wir in Brüssel, weil mein Vater dort die BND-Residentur geleitet hat. Brüssel ist eine Art Melting Pot der Nachrichtendienste. Die Leiter der Residenturen kennen sich, auch unter verfeindeten Diensten, man ist quasi so enttarnt, wie man nur enttarnt sein kann, weil die Aufgabe auch ist miteinander im Gespräch zu bleiben.

So stand ich regelmäßig mit meinem Vater am Rande von Empfängen in unserem Haus und mein Vater zeigte umher: Da war der Vertreter der CIA, dort der des KGB, hier der Stasi (bzw. des MfS), des MI6 (nein, nicht James Bond…), des polnischen Dienstes usw. (tatsächlich damals alles Männer).

Und man redete und redete.

Wir waren mitten im Kalten Krieg und wo Diplomatie an ihre Grenzen stieß, loteten Menschen wie mein Vater und seine Kolleg*innen aus, was vielleicht trotzdem noch geht.

Wenn wieder mal Diplomaten ausgewiesen wurden und Warschauer Pakt und NATO auf Eiszeit schalteten, ging mein Vater mit dem KGB-Residenten zum Mittagessen, sprach über Abrüstungsverhandlungen und beide meldeten in ihre Hauptstädte, wo man vielleicht doch wieder zusammen kommen könnte.

Natürlich konnte ich nie genau verfolgen, ob und welche Gespräche an welchen Punkten zu exakt welchen Ergebnissen geführt haben.

Aber ich hatte gelernt, dass wer ernsthaft für Sicherheit, Frieden und Menschenrechte eintreten will, reden muss. Reden auch mit den furchtbarsten Akteuren, nicht als Liebesdienst, sondern weil es am Ende den Menschen nützen kann und jede Chance ergriffen werden muss.

Deswegen ist es auch richtig, dass Botschaften unter einem besonderen Schutz stehen, auch wenn sie, wie im Falle Russlands, als Lügenschleudern missbraucht werden.

Um jedes Missverständnis zu vermeiden: Natürlich will ich, dass die Ukraine sich wirkungsvoll gegen den russischen Angriff verteidigen kann. Und die russischen Kriegsverbrechen machen dies noch viel nötiger. Und es ist sicher auch ein notwendiges Signal, zahlreiche der Geheimdienstmitarbeiter in der russischen Botschaft auszuweisen und die Kriegsverbrechen bis in die Spitze des russischen Staates zu verfolgen.

Aber der Versuch zu reden darf nie aufgegeben werden.

Man wird sich nie verzeihen können, eine Chance verpasst zu haben.

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